
Scham und Schande - Natürlich werden nur diejenigen die Schande über die Ungerechtigkeit der Welt empfinden, die am wenigsten dafür können und dann auch eher zu den Lesern dieses Buch werden. Alle anderen werden ignorant darüber hinweggehen oder ihre Eigensucht mit den Umständen rechtfertigen. Die neoliberale Weltordnung ist so selbstverständlich geworden, dass sie als zweite Natur erscheint ohne Alternative und Ausweg. Dagegen begehrt ZIEGLER auf und so ist das Buch zu empfehlen trotz aller Unzulänglichkeiten, etwa die romantisierende Sprache, wenn er die Dritte Welt beschreibt. Aber er nennt auch ausdrücklich die Firmen, die mit ihrem Profitstreben die Gesundheit außer Acht lassen, wie etwa Nestlé, die Trockenmilch an Stillende Mütter vertreibt, das die Babys krank und die Familien arm macht. Mit geschickter Werbung wird die Muttermilch schlecht gemacht und die eigenen Produkte vermarktet. Er kritisiert die Tendenz, dass buchstäblich alles im Kapitalismus zur Ware gemacht wird, damit es Profit abwirft. So werden zunehmend Pflanzen, Düngemittel und Tiere patentiert um damit Geld zu machen. Selbst Stickstoff aus der Luft wird als Medikament deklariert, damit es teurer verkauft werden kann. Die Schere zwischen arm und reich, zwischen erster und dritter Welt wird dadurch vertieft. Aber auch in Europa steigt sie Armut, was nicht zuletzt dadurch deutlich wird, dass Speisungen und Versorgung von Armen in Deutschland immer augenscheinlicher und verbreiteter werden.
Er hat ja so Recht, aber... - ...leider ist Jean Zieglers Analyse völlig falsch, denn er reduziert ein tatsächlich vorhandenes und richtig erkanntes Problem auf eine gut-böse-Problematik, und damit wird er dem Problem überhaupt nicht gerecht.Eine der schärfsten Systemkritiken, die ich bislang gelesen habe, stammt von Mersch in dessen Buch Evolution, Zivilisation und Verschwendung: Über den Ursprung von Allem. Gemäß ihm hat die Natur drei verschiedene Systemebenen des Lebens hervorgebracht: Einzeller, Organismen (Mehrzeller, zu denen auch wir Menschen gehören) und neuerdings die Organisationssysteme (z. B. Unternehmen). Alle diese Systeme wollen vor allem eins: sich in ihren jeweiligen Evolutionsumgebungen selbsterhalten. Für die Unternehmen sind das die Märkte, auf denen sie mit anderen Unternehmen um Kunden (und damit Ressourcen) konkurrieren.Und dabei verhalten sich Unternehmen genauso rational, wie wir das tun, wenn wir den Tante Emma-Laden links liegen lassen und stattdessen im preiswerteren Supermarkt einkaufen gehen. Praktisch jeder Vorteil wird genutzt werden, ja nicht nur das, er wird auf wettbewerbsorientierten Märkten auch genutzt werden müssen, weil man sonst im Vergleich zu den Wettbewerbern leicht ins Hintertreffen geraten könnte.Das ganze hat also nichts mit Moral und Verschwörung zu tun, sondern ist die zwangsläufige Folge einer Marktlogik. Mersch macht nun allerdings darauf aufmerksam, dass diesbezüglich in den letzten Jahrzehnten eine gravierende Änderung stattgefunden hat: Das vermehrte Aufkommen von global operierenden Konzernen, die nicht länger durch ihr Heimatland kontrolliert werden können, sondern sich umgekehrt in einer Machtposition gegenüber den verschiedenen Nationen befinden. Das Machtverhältnis zwischen Staaten und Konzernen hat sich folglich umgedreht, und das ist ein Teil des Problems. Hinzu kommt, dass das neoliberale Paradigma des freien Marktes solchen Dinosauriern nun beliebige Handlungsfreiheiten gegeben hat, so dass man schon fast anzweifeln könnte, ob es der Menschheit jemals wieder gelingen wird, die Kontrolle zurückzugewinnen.Lange Rede kurzer Sinn: Ziegler weist seinen Finger in die richtige Richtung, aber dadurch, dass er moralisch und nicht systemisch argumentiert, neutralisiert er seine Kritik quasi selbst. So, wie er argumentiert, werden wir dieses tatsächlich vorhandene Problem sicherlich nicht mehr in den Griff bekommen.
Wie in einem schlechten Film: finstere Mächte sollen es sein - Der Sonderberichterstatter der UN-Menschenrechtskommission für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, ruft zum Widerstand auf: »Über zwei Milliarden Menschen leben in absoluter Armut, wie es das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) nennt: ohne feste Einkünfte, ohne regelmäßige Arbeit, ohne angemessene Behausung, ohne medizinische Versorgung, ohne ausreichende Ernährung, ohne Zugang zu sauberem Wasser, ohne Schule. ... Tag für Tag sterben auf unserem Planeten ungefähr 100 000 Menschen an Hunger oder an den unmittelbaren Folgen des Hungers. ... Jahr für Jahr bringen Hunderte von Millionen schwer unterernährter Mütter Hunderte von Millionen unheilbar geschädigter Säuglinge zur Welt. ... Unzulänglich ernährt, haben ihre Gehirnzellen bereits irreparable Schäden davongetragen. ... Die Zerstörung von Millionen Menschen durch Hunger vollzieht sich täglich in einer Art von eisiger Normalität - und auf einem Planeten, der von Reichtümern überquillt. ... Wie kann es sein, dass auf einem mit Reichtümern gesegneten Planeten Jahr für Jahr Hunderte Millionen von Menschen Opfer von äußerster Armut, gewaltsamem Tod und Verzweiflung werden? ... Die Gleichung ist einfach: Wer Geld hat, isst und lebt. Wer keines hat, leidet und wird invalide oder stirbt. Ständiger Hunger und chronische Unterernährung sind von Menschen gemacht. Verantwortlich für sie ist die mörderische Ordnung der Welt.« Wogegen soll nach Zieglers Ansicht mobilisiert werden? Anstatt einmal zu klären, was Geld ist, was also den Inhalt der »Macht des Geldes« ausmacht, zieht Ziegler es vor, die Welt moralisch in gut und böse aufzuteilen. »Die transkontinentalen Privatgesellschaften, die das mächtigste Kapital und die leistungsstärksten Technologien und Laboratorien besitzen, die die Menschheit je gesehen hat, sind das Rückgrat dieser ungerechten und todbringenden Ordnung.« Wir erleben eine Refeudalisierung der Welt. Und diese neue Feudalmacht trägt das Antlitz der transkontinentalen Privatgesellschaften.« Aber millionenfach verhungert wurde doch schon lange vor der sogenannten Globalisierung. War die alte internationale Wirtschaftsordnung denn besser? Warum nicht den Zweck der Marktwirtschaft kritisieren statt lediglich die Größe des Kapitals? Ist der Manchesterkapitalismus ein Vorbild? Da gibt es bessere Bücher! Zum Beispiel: Michael Heinrich, Kritik der politischen Ökonomie: Eine Einführung oder Hermann Lueer Warum verhungern täglich 100.000 Menschen?
Ein unentbehrliches Buch mit schwacher Didaktik - Anspruchsvolle Auseinandersetzung mit den Kosmokraten der Welt, den Ursachen der globalen Armut und der beginnende Widerstand dagegen. Teilweise beklemmende Wahrheiten, die einem gelegentlich auch die Wut hochtreiben. Interessante Zahlen zur Weltökonomie. Ziegler nennt dankenswerterweise die Ursachen der Armut und des Hungers in der Dritten Welt beim Namen: die unermeßliche Profitsucht der Großkonzerne, der Industrieländer, unsere eigene! Dafür gehen täglich hunderte Menschen zu Grunde, dass einige wenige in unvorstellbarem Luxus leben können. Er belegt das mit Zahlen, die betroffen machen. Allerdings schafft Ziegler es oft und oft nicht, seine Kernaussage beim Kragen zu packen und festzuhalten: es folgen oft wichtige Aussagen unkommentiert aneinandergereiht, dazwischen Zahlenbeispiele, dazwischen andere Beispiele, sodass die Kernaussage abgeschwächt wird und nicht aufgearbeitet werden kann. Die Rückblende auf die Französische Revolution und die Menschenrechte ist gut und schön, eine geordnete Aufarbeitung der Ursachen und Folgen der Armut z.B. in Südamerika wäre effektiver.
Imperium der Schande - Jean Ziegler zählt zu den Menschen, die aus der Debatte um die Zukunftsfähigkeit von Politik und Wirtschaft im Sinne einer möglichen anderen Welt nicht mehr wegzudenken sind. Dass mehr als 10 Millionen Kinder unter fünf Jahren pro Jahr an Unterernährung, Seuchen und Wasserverschmutzung sterben, dies ein organisierter Mangel ist und damit als Massenvernichtungswaffe wirkt, ist eines der zentralen Aussagen von Zieglers neuem Werk.Beileibe nicht frei von Ärger, Zorn und Emotion zieht Ziegler nicht nur publizistisch, sondern auch in seiner Funktion als Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung der UNO gegen die neuen Feudalherren zu Felde. Die Emotion über die 1,8 Milliarden Menschen, die auf unserem Planeten von weniger als einem Dollar täglich und damit in absoluter Armut leben befreit Ziegler aber nicht davor, seine Schlussfolgerungen umfassend durch Zahlen, Daten, Fakten und persönliche Erfahrungen zu untermauern. Der von Ziegler beschriebene organisierte Mangel ist ein Krieg von nicht mehr zeitweiliger Erscheinung, sondern ist permanent. Dies geht für Ziegler mit dem Faktum Hand in Hand, dass die Rüstungsausgaben 2004 1000 Milliarden US$ überschritten und die Nettogewinne der 7 größten US-Erdölfirmen in den ersten 6 Monaten 2004 um 43 % angestiegen sind.Das Imperium der Schande ist in der Tat eine Waffe im Kampf gegen eine Weltordnung (...), die keinen anderen Wert mehr kennt als den nackten Profit. Es liegt an uns, sie auch gewaltfrei zu gebrauchen.Thomas RoithnerQuelle: Friedensforum, Hefte zur Friedensarbeit, Heft 7-8/2005, Seite 18.