
eine akribische studie - Das Buch ist vom Anfang bis Ende eine spannende Lektüre und berücksichtigt erstmals alle Aspekte des Themas: Eingangs ist die Rolle Italiens und hier besonders Südtirols im Transit der NS-Kriegsverbrecher auf der Flucht aus Europa dargestellt. In den folgenden Kapiteln werden die Strukturen des Fluchtweges beleuchtet. Die Rolle des Internationalen Roten Kreuzes, die Rolle des Vatikans und das Agieren der Nachrichtendienste in den Nachkriegsjahren. Das letzte Kapitel ist dem Auswanderungsland Argentinien gewidmet. Nur durch Verknüpfung all dieser Elemente wird die Flucht von Kriegsverbrechern nach 1945 nachvollziehbar. Die Odessa und andere Verschwörungstheorien rund um geheime, zentral gesteuerte und allmächtige NS-Fluchtorganisationen haben als Erklärung ausgedient - auch wenn sie sich noch lange in den Köpfen halten werden.
Ein Standardwerk! - Wer sich für die Geschichte des Dritten Reiches und dessen Ende interessiert, für den ist dieses Buch unverzichtbar. Es räumt auf Halbwahrheiten und fiktionalem Schund wie Die Akte Odessa und bietet die erste umfassende Aufarbeitung der Fluchtbewegung der Nazis, der so genannten Rattenlinie. Was eigentlich schon erstaunlich genug ist, dass sich noch nie jemand in diesem Umfang um das verdrängte Thema gekümmert hat. Auch wenn Gerald Steiner in erster Linie ein wissenschaftliches (aber gut lesbares) Werk geschrieben hat, teilweise sind die Vorgänge, die er beschreibt, so absurd und abenteuerlich, dass man sich förmlich eine auch filmische Aufarbeitung dieses Themas wünscht. Mittlerweile hat das Buch auch politisch Wellen geschlagen und erschreckte Reaktionen beim Roten Kreuz hervorgerufen, dessen Rolle ebenso undruchsichtig ist wie die der katholischen Kirche. Das lässt tief blicken und verdeutlicht, welche Brisanz auch noch sechzig Jahre später in den Mauscheleien dieser beiden Insitutionen liegt.
Gut recherchiert und geschrieben - Tausende von Deutschen und Österreichern, die mit einer Verurteilung wegen Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit rechnen mussten, darunter viele Massenmörder, entzogen sich bald nach dem Krieg durch Flucht der Verantwortung.Gerald Steinacher zeigt auf der Grundlage einer fünfjährigen Archivarbeit am Beispiel des Drehkreuzes Italien auf, wie das vor sich ging und wer dabei die Hände im Spiel hatte. Dabei geht er auf die Mitschuld des Internationalen Roten Kreuzes (S. 69 ff.) und der verschiedenen westlichen Geheimdienste (S. 179 ff.) ebenso ein wie auf die Situation im Startland Italien (S. 17 ff.) und im Zielland Argentinien (S. 235 ff.).Das Buch sei, so der Autor (S. 16), von Anfang bis Ende spannende Lektüre. Derlei Selbstlob ist ungewöhnlich, aber auch nicht ganz unberechtigt, denn es gelingt ihm, die einzelnen ineinander greifenden Faktoren sehr plastisch herauszuarbeiten. Lesern wie mir, die Südtirol schätzen, mag die Lektüre zusätzliches Unbehagen verursachen, wird doch klar, dass diese Region eine sehr wichtige Rolle als Nazi-Schlupfloch spielte, sei es als Fluchtstation oder als mehrjähriges Refugium (S. 47 ff.). Warum sich Südtirol dafür anbot (im doppelten Sinne), ist mir auch nach mehrmaligen Lesen nicht ganz klar.Heikelster Punkt ist natürlich das Kapitel über das Netzwerk des Vatikans (S. 119 ff.), das maßgeblich dazu beitrug, so unterschiedlichen Figuren wie dem Organisator der Endlösung, Eichmann, dem Kommandanten des Vernichtungslagers Treblinka, Stangl, und dem kroatischen Machthaber Pavelic, hauptverantwortlich für die Ermordung einer halben Million Menschen, zur Flucht zu verhelfen. Heikel deswegen, weil die Rolle des Vatikans und insbesondere des Papstes Pius XII. zwar spätestens seit Hochhuths Theaterstück Der Stellvertreter (1963) diskutiert, aber seit Jahr und Tag auch beharrlich an der Widerlegung der Vorwürfe (und an der Seligsprechung des Papstes) gearbeitet wird.Was die praktische Hilfe für die Nazi-Flüchtlinge betrifft, ist es allerdings wenig aussichtsreich, die Beteiligung kirchlicher Stellen in Zweifel zu ziehen. Dazu sind die Belege, die der Autor zusammen getragen hat, zu eindeutig. Der geschichtspolitische Streit tobt bekanntlich um die Frage, ob es sich hier um Taten Einzelner oder um ein durchorganisiertes Unternehmen gehandelt hat, Steinacher trägt sehr viele Indizien für die zweite Alternative zusammen, eben für ein Netzwerk, das alle kirchlichen Hierarchieebenen umfasste.Offen bleibt, wie bisher, die Frage, warum die Kirche so und nicht anders gehandelt hat. Reicht es aus, zu glauben, dass sie den Kampf um die (zeitweilig) verlorenen Seelen nicht aufgeben wollte? Oder stand sie - das ist eher Steinachers These - so sehr im Banne des Kampfes gegen den Kommunismus, dass sie jedermann als wertvollen Verbündeten ansah, unabhängig davon, welche grauenhafte Taten er zuvor verübt hatte?Auch aufgrund der inhaltlichen Eingrenzung des Thema gelingt dem Autor insgesamt eine dichte Darstellung. Es ist freilich nicht die erste dieser Art, wenn er schreibt, dass das Thema kirchliche Fluchthilfe bis heute nur am Rande der Zeitgeschichtsschreibung gestanden habe, ist das nicht falsch (S. 10), gleichwohl hätte er sich nichts vergeben, wenn er an dieser Stelle wenigstens Ernst Klees Persilschein und falsche Pässe. Wie die Kirchen den Nazis halfen (Frankfurt 1991) genannt hätte.Insgesamt habe ich mich gefreut, mal wieder ein verständlich geschriebenes und auch sorgfältig lektoriertes Buch gelesen zu haben, das einen wichtigen Beitrag zum Thema leistet.
Spannende und sehr informative Historie! - Der Innsbrucker Zeithistoriker Steinacher erläutert in dem Buch ausführlich, wie nach Ende des Zweiten Weltkrieges - verborgen unter Zehntausenden anderer Flüchtlinge - hochrangige NS-Kriegsverbrecher wie Eichmann oder Mengele über die so genannte Rattenlinie (Brenner - Genua) nach Südamerika fliehen konnten. Er beschreibt sowohl die äußeren Umstände, z.B. die chaotischen ersten Jahre mit Hunderttausenden displaced persons auf den Straßen oder die Sonderrolle des deutschsprachigen, aber nicht von den Alliierten kontrollierten Südtirol, als auch die konkreten Fluchthelfer, die von einfachen Schmugglern und Sympathisanten hin zu großen Organisationen wie dem Internationalen Roten Kreuz, der katholischen Kirche und dem amerikanischen Geheimdienst reichen. Durch die detaillierte Aufschlüsselung der Abläufe wird die Existenz der oft zitierten Geheimorganisation Odessa endgültig widerlegt und als Geschichtsmythos in den Ruhestand geschickt. Besonders aufschlussreich empfand ich die Schilderung der verschiedenen Wege, auf denen man damals zu einem persönlichen Dokument und so zu einer neuen Identität kommen konnte sowie die Erläuterungen zur Rolle des Roten Kreuzes und zur aktiven Einflussnahme des amerikanischen Geheimdienstes, der sich die Techniker für den beginnenden Kalten Krieg aus den Reihen der NS-Kriegsverbrecher holte.Steinacher hat für sein Werk sechs Jahre lang teilweise erst seit kurzem zugängliche Archivbestände durchforstet und seine Ausführungen in über tausend Fußnoten belegt. Trotz dieses wissenschaftlichen Charakters ist das Buch auch für absolute Laien wie mich angenehm lesbar und in weiten Teilen sogar äußerst spannend. Dazu tragen auch das reiche Fotomaterial und die Beschreibung vieler Einzelschicksale bei, die gründlich recherchiert und immer wieder passend in die einzelnen Kapitel eingebaut wurden.
Spannende und erschreckende Geschichte - Der Vatikan und das Rote Kreuz halfen den Nazis zu entkommen.Die USA benutze sie als Experten des Antikommunismus.Und bessere Experten gabs damals wohl nicht.Alles in allem ist es ein sehr gutes Buch, mit fundierten Quellen, gutem Schreibstil und von vorne bis hinten spannend.Alle die sich für diesen Teil der Geschichte interessieren, sollten dieses Buch lesen.